Paraguay

Auswandern nach Paraguay - Wie eine Familie . . .

Neuanfang - Die Familie Martens aus Pfullingen will sich in Paraguay mit Rinderzucht eine Existenz aufbauen

PFULLINGEN. Er hat einen Traum. Aber momentan spürt Johann Martens, wie schwierig es ist, ihn zu verwirklichen. »Ich habe nicht geglaubt, dass mir der Abschied so zu Herzen geht«. Heute um 18.10 Uhr fliegt der 39-Jährige mit Ehefrau Sally und fünf Kindern nach Paraguay - für immer. Die Familie wandert aus und freut sich gemeinsam auf die neue Aufgabe.

Für den Landmaschinenmechaniker ist so eine Aktion nichts Ungewöhnliches. Vor 17 Jahren kam er mit seiner Ehefrau nach Deutschland. Denn beide sind in ihrer künftigen Heimat geboren. »17 Jahre gehen aber nicht spurlos an einem vorbei. Es bleiben Menschen und mit ihnen Freundschaften zurück. Der Abschied von ihnen ist das Schwerste.«

Doch Johann Martens ist keiner, der die Entscheidung anzweifelt. Der Familienvater wirkt gefestigt, ruht in sich selbst. Seine klaren Augen funkeln voller Energie. Tatendurst schwingt mit in seinen Worten. Er weiß genau, wovon er spricht.

In dem südamerikanischen Land wartet seine eigene Ranch mit 312 Hektar, 240 davon für die Rinderzucht. Davon will er die Familie ernähren und von der Heuernte, die er professionell aufziehen will. »Futter auf Vorrat ist dort eine Marktlücke.«

Den Traum vom Auswandern trägt der Mechaniker schon lange mit sich herum. Als er 1990 nach Deutschland kam, wollte Martens schnell wieder zurück. Da bot ihm die Firma Garten-Moser einen Job als Werkstattleiter. »Das hat mich gereizt. Das war eine Herausforderung.«

Traum kehrt zurück

Bis vor drei Jahren übte der vierfache Vater (Das Fünfte ist ein Pflegekind.) den Beruf aus, dachte aber immer wieder über sein Dasein, seine Aufgabe, seine Arbeit nach. »Es muss noch mehr im Leben kommen.«

Die Frage »Was träumst du, wenn du alleine bist?« in einem Seminar für Selbstständige gab den Anstoß. »Unweigerlich kam bei mir der Traum vom Auswandern wieder.« Diesmal aber so stark, dass eine Entscheidung her musste. Martens gründete parallel seine eigene Kfz-Werkstatt und begann gemeinsam mit seiner Frau und der Familie zu planen: Eine Ranch im Westen von Paraguay, dort wo seine Eltern leben und er aufgewachsen ist; dort Rinder züchten, und schwer erziehbare Jugendliche aufnehmen. Das sollte ihr Leben werden. »Ich war schon immer von vielen Jugendlichen umgeben. Viele sind zu mir gekommen, die keine Heimat hatten oder die dort nicht sein wollten.«

Diese soziale Ader lebte die Familie auch in Pfullingen. Immer wieder nahm er schwer Erziehbare auf. Sie lebten mit im Haushalt und bekamen vor allem einen regelmäßigen Tagesablauf mit Pflichten und Aufgaben mit. »Ohne disziplinierte Routinearbeit werden sich Jugendliche nicht verändern«, ist Martens überzeugt. Da bietet die Ranch in der Steppenlandschaft im Nordwesten von Paraguay ideale Voraussetzungen.

»Wer zu uns kommt, muss die gleichen Regeln befolgen wie unsere Kinder.« Das heißt, morgens um sechs Uhr beginnt die Arbeit. Dann geht nämlich sein Nachwuchs aus dem Haus. Tirza (15 Jahre), Jonathan (13), Tatjana (10), Christof (8) sowie Pflegekind Patrick (5) besuchen in der Provinzhauptstadt Filadelfia eine deutsche Gesamtschule und freuen sich auf das neue Leben, nach anfänglicher Skepsis. »Aber es gibt ja Internet. Da werde ich meinen Freunden viel von unserem Leben schreiben«, sagt Tirza, die sich wie ihre Schwester auf die sechs Pferde freut.

Weiter Weg

»Das Schuljahr beginnt dort im Februar. Deshalb und weil die Heuernte gerade anläuft, gehen wir jetzt«, erklärt Martens. Mit dem saftigen Grün will der künftige Rancher einen Teil seines Unterhalts bestreiten. »In der Regenzeit wächst mehr Gras, als die Rinder fressen. Mit zwei Schnitten kommt man auf 2 000 Ballen pro 100 Hektar.«

Den Überschuss will der findige Deutsche verkaufen. Doch erst einmal müssen alle heil in der neuen Heimat ankommen. Rund 20 Stunden, schätzt Martens, sind sie am Donnerstag unterwegs. Dann folgt eine Woche Aufenthalt in der Hauptstadt Asunción, »um den ganzen Papierkram zu erledigen«.

Anschließend fahren sie in die Steppenlandschaft, rund 470 Kilometer entfernt. Dort warten zwei seiner acht Brüder und die Maschinen. Dann verwirklicht sich langsam der Traum des Johann Martens. Drei bis vier Jahre gibt sich der 39-Jährige, bis alles so läuft, wie er sich das vorstellt.

Quelle: Reutlinger General-Anzeiger - Baden-Württemberg, Deutschland - am 24.01.2008

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