Reich mit Nüssen in Paraguay?
1.500 deutschrussische Aussiedler hätten sich schon Land im südamerikanischen Paraguay gekauft, 100 Familien seien schon von Deutschland in die im Jahre 2005 gegründete "Kolonie Neufeld" im völlig unerschlossenen Südosten Paraguays umgesiedelt, 60 könnten sogar schon in ihrem eigenen Häuschen leben, die anderen würden daran noch bauen.
Wie ein Maschinengewehr feuert der Leiter der Kolonie Neufeld, Fjodor Rau, die Zahlen bei einer Versammlung in Ulm vor Bekannten und Verwandten seiner Paraguay-Aussiedler ab. Seine Zielgruppe sind die 200.000 Russland-Mennoniten, eine plattdeutsch sprechende Minderheit unter den 2,2 Millionen Russlanddeutschen, die sich auch in Deutschland meist als Fremde fühlen. Viele sind aus ländlichen Gebieten Sibiriens, Kasachstans und der Ukraine nach Deutschland gekommen. Bei ihnen treffen die Verheißungen von der eigenen Scholle und dem Anbau von Gemüse auf offene Ohren.
Die größte Verheißung liegt in einer Nuss, genauer gesagt der Macadamia Nuss. Sie soll den Pionieren in Paraguay Unabhängigkeit und Wohlstand bescheren. Die im Regenwald von Queensland in Australien entdeckte Königin der Nüsse mit einem hohen Eiweiß- und Fettgehalt kostet im Geschäft 31 Euro pro Kilo. Hauptweltproduzent sei jetzt noch Hawaii. Doch die Kolonie Neufeld in Paraguay will dieses Monopol brechen und selbst zur Nummer Eins der Macadamia-Nuss-Erzeuger aufsteigen. Auch wenn das Schälen der Nüsse sehr aufwendig ist. Ihre Schale ist die härteste Nussschale der Welt. Und selbst, wenn die Nüsse an sechs Meter hohen Bäumen wachsen, die ganze acht Jahre brauchen, ehe sie die ersten Früchte tragen. Jeder, der investiert, würde mit Hilfe der Kolonie sofort Gewinn machen und mit seiner Familie ein Auskommen haben, bei dem man sich sogar ein Dienstmädchen leisten könnte.
Der Gründer der Kolonie, der deutschrussische Spätaussiedler Nikolai Neufeld (42) aus dem ostwestfälischen Kalletal bewirbt seine Kolonie mit den Worten: „Man schlägt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Man erwirbt eigenes Land und wird finanziell unabhängig. Unser Konzept ist besser als die Riesterrente oder jeder Investmentfonds.“
Was müssen die deutschrussischen Mennoniten tun, um nun auf der eigenen Scholle schnell reich zu werden? Fjodor Rau wird es ihnen sagen: Jede Familie, die sich am Projekt beteiligen will, muss schon in Deutschland in der Neufeld Kolonie mindestens 4 Hektar Land kaufen. Das kostet 9.600 Euro. Und man müsse 25.000 Euro für den Kauf von Nuss-Setzlingen investieren. Damit erwirbt man sich bei einer konkreten Ansiedlung in der neuen Gemeinschaft auch einen Arbeitsplatz. Das Land kostet in Deutschland 2.400 Euro pro Hektar. Vor Ort hat Nikolai Neufeld, der sich 406 Hektar reserviert hat, pro Hektar nur 116 Euro gezahlt. Dasselbe gilt für seinen Bruder Johannes Neufeld (40), der gar 11.000 Hektar gekauft hat. Mit der Differenz des Kaufpreises pro Hektar sollen die sozialen Einrichtungen in der „Colonia Neufeld“ finanziert werden. Die Kolonie ist 45 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt und nur über einen unbefestigten Sandweg (Foto © Stadtmusikant.org.de) zu erreichen.
Im Kaufvertrag ist eingeschlossen, dass das Land wieder direkt an die Kooperative verpachtet werden muss. Dieses gepachtete Land soll dann für die landwirtschaftliche Produktion genutzt werden. Pro Hektar würden 300 Euro jährlich Pachtgeld gezahlt werden. Damit habe man innerhalb von acht Jahren seine Investition in das Land wieder raus, so die Kolonie-Chefs.
Wenn eine Familie nach Paraguay übersiedelt, sei diese das erste halbe Jahr frei von den Unterhaltungskosten. Dann könne man sich ja selbständig machen. 20 Aussiedler hätten eine eigene Kooperative gegründet und hielten ein paar Kühe. Angepeiltes Ziel der Kolonie Neufeld seien 3.000 einzahlende Kolonisten.
Den Kolonie-Chefs wird ein Schneeballsystem vorgeworfen
Den Brüdern Nikolai und Johannes Neufeld, die zuvor in Kalletal ein Reisebüro betrieben und als erste in Deutschland Direktflüge nach Kasachstan angeboten hatten, wird schon seit fünf Jahren von einigen Russen vorgeworfen, sie würden lediglich ihre Landsleute um all deren Erspartes erleichtern wollen und betrieben in Wirklichkeit ein Schneeballsystem, bei denen die Anleger-Renditen aus deren eigenen Einlagen bezahlt würden.
Die Neufelds, die das Paraguay-Geschäft nach eigenen Angaben schon seit 1996 betreiben, sollen vor der Nuss-Plantage schon Mal an 300 Anleger in Deutschland ein und dasselbe Sumpfland aus der derselben Region als fruchtbares Ackerland (12 Hektar für 28.800 Euro plus 1.500 Euro Notarkosten) verkauft haben. Käufer, die sich vor dem Kauf von der Qualität des Ackers überzeugen wollten, wurden für 2.490 Euro Reisekosten pro Person für zehn Tage eingeladen. Ihnen wurde ein fruchtbarer Acker gezeigt, der von Traktoren bearbeitet wurde. Nur, war es nicht das Land, das sie später kauften. Die Notarin vor Ort bearbeitete die Grundstückskäufe haufenweise, niemand bekam genaue Koordinaten oder einen Grundbuchauszug. Dennoch waren die Käufer beruhigt, denn die erste Pacht von 300 Euro wurde überwiesen. Und die Neufelds sollen auf Rus-TV und in ihren beiden Monatszeitschriften "Landsleute" und "Fragen und Antworten" (bundesweit je 80.000 Exemplare Auflage) mit einer Rendite von 12,5 Prozent geworben haben.
Der Schock sei gekommen, nachdem der überwiegende Teil der Käufer das Geld überwiesen hatte. Darauf wurden ihnen die Pachtverträge gekündigt. Das fruchtbare Ackerland stellte sich als Sumpf oder karges Schrottland heraus. Wer wollte, habe am Ende seine Papiere für 8 Euro pro Hektar an die Verkäufer zurückverkaufen dürfen.
Quelle: gomopa.net am 17.08.2010
