Weltsprache Platt
Der gebürtige Äthiopier Yared Dibaba bereist als Platt schnackender NDR-Moderator die Welt
"Schnackst du ock Plattdütsch?", fragt der schwarze Mann den Indianer in der kargen Landschaft im Norden Paraguays. "Jo", sagt der und nickt. Wenn Yared Dibaba diese Anekdote erzählt, dann reißt er seine ohnehin schon großen Augen noch ein Stück weiter auf. "Da spricht man einfach so auf der anderen Seite der Erde einen Indianer an und der antwortet auf Platt, als sei es das normalste von der Welt", sagt er und schüttelt ungläubig den Kopf. In solchen Momenten verschlage es ihm schon manchmal die Sprache, sagt Yared Dibaba - und man kann es sich nur schwer vorstellen.
Keine Frage, die Qualitäten eines Entertainers wurden dem gebürtigen Äthiopier in die Wiege gelegt. Seit Oktober vergangenen Jahres kommen diese verstärkt zum Einsatz: Seitdem reist der 38-jährige Hamburger nämlich zusammen mit seiner Kollegin Julia Westlake um den Erdball und interviewt die Leiterin des plattdeutschen Altenheimes in New York, einen Mennoniten in der Steppe von Sibirien oder eben einen Indianer in Paraguay. Gemein haben sie alle nicht viel, außer eines: Sie alle sprechen Platt. In der morgigen, zweiten Folge von "Die Welt op Platt" (NDR 20.15 Uhr) dreht sich alles um Grünkohl, Pinkel und die Steubenparade in New York.
Dass das neue NDR-Format neue Gesichter benötigte, stand von vornherein fest - ein plattdeutsch sprechender Schwarzer mit Charme, Witz und allerhand Exotenbonus kam da natürlich gerade recht. Doch das junge Multitalent, das neben "Die Welt op Platt" außerdem für Eva Herman an die Seite von Talkfrau Tietjen gerutscht ist, findet seine Rolle weniger wichtig als das Plattdeutsche, das sich wie ein roter Faden durch die Episoden schlängelt. "Die Sprache ermöglicht einen ganz anderen Zugang zu den Menschen", sagt er. "Wenn ich Plattdeutsch mit den Leuten rede, ist da einfach von Anfang an eine Vertrautheit da." Die Sehnsucht nach der Heimat verbindet schließlich die unterschiedlichsten Menschen.
Ein Gefühl, das Yared Dibaba nur allzu gut kennt: Geboren 1969 in einem kleinen Dorf in Äthiopien, kam er das erste Mal im Alter von vier Jahren nach Deutschland. Nach einigen Jahren gingen die Dibabas zurück, mussten aber rasch über Kenia vor dem äthiopischen Regime erneut nach Deutschland fliehen. Die Familie landete schließlich in Falkenburg, einer 800-Seelen Ortschaft im Oldenburger Land. Yareds Faszination fürs Plattdeutsche entdeckte er bei einem Bäckereibesuch. "Ich kam nach Hause und erzählte meiner Mutter, dass ich zwei Frauen gesehen hatte, die sich in einer fremden Sprache unterhalten haben." "Das ist Platt, das sprechen die Menschen hier", erklärte ihm die Mutter. Seine Neugier verschlug ihn in den plattdeutschen Kinderchor. Durch Ausflüge in die Schauspielerei lernte er eines Tages den Intendanten des Ohnsorg-Theaters kennen, der ihn prompt an der Seite von Heidi Kabel spielen ließ. Die Stelle als Moderator bei dem Plattdeutsch-Format ist ihm also auf den Leib geschnitten.
Durch "Welt op Platt" komme er an Orte, an die er sonst nie gekommen wäre, sagt Yared Dibaba. Etwa auf die Ranch eines weißen Farmers in Südafrika, der mit dem schwarzen Journalisten über Apartheid spricht. Eine Begegnung, die kaum vorstellbar wäre, wenn nicht das Platt die beiden irgendwie miteinander verbinden würde.
Ach übrigens, der Indianer in Paraguay hieß zu allem Überfluss auch noch Abraham Klose. "Und jetzt raten Sie mal, wie seine Frau hieß!". "Erika?". "Nein - Susi!"
Quelle: WELT ONLINE - Deutschland , 10.10.2007
