Der Gran Chaco – die Ebene als Graben und Brücke
Der Chaco ist ein riesiger, weitgehend ebener Naturraum mit mehr als 1 Mio. Quadratkilometer Ausdehnung, der sich – gereiht nach abnehmendem Anteil – auf Argentinien, Paraguay, Bolivien und Brasilien verteilt. Der Name leitet sich her von einem indianischen Wort für Jagdgründe. Wer heute von der paraguayischen Hauptstadt Asunción den Chaco in nordwestlicher Richtung nach Bolivien durchquert, wird an der Strasse viele Verbotstafeln sehen: Die Jagd ist nicht erlaubt. Ob das Verbot auch eingehalten werde, ist eine andere Frage. Recht und Gesetz haben in Paraguay wenig verbindlichen Charakter. Doch soll hier nicht von den wenig appetitlichen politischen Zuständen Paraguays die Rede sein, denn es erlebt eine Überraschung, wer den wilden Geschichten über den Chaco geglaubt und sich für eine waghalsige Wüstenquerung gerüstet haben sollte.
Ja, doch, ein bisschen heiss ist es schon, denn man befindet sich in subtropischen Zonen und in einer Höhe von weniger als 200 Metern über Meer, trotz der enormen Distanz zur Küste. In welchen Dimensionen sich hier das Leben abspielt, lässt sich an grünen Wegweisern ablesen, die über die Estancias in der Gegend informieren. Eine Estancia ist ein Landwirtschaftsbetrieb, eine Ranch. Da kann man, nach einigen hundert Kilometern Fahrt seit der Grossstadt, einen besseren Feldweg sehen, der von der Asfaltstrasse abzweigt: Estancia La Linda, 123 Kilometer.
Benzin kostet in La Patria, dem letzten paraguayischen Posten vor der Grenze, mehr als das Doppelte als sonst – falls es Benzin gibt. Also unbedingt tanken in Mariscal Estigarribia, wo es zwei Tankstellen gibt, von denen mindestens eine auch einen nützlichen Mini-Shop führt. Der Soldat in La Patria, der meine Durchreise registriert, bittet nach vollzogener Amtshandlung um ein Geschenk, denn die Versorgung hier draussen sei unzuverlässig. Es fällt mir nicht schwer, ihm das zu glauben. Er will keineswegs Geld, denn er schlägt vor, ich solle ihm Eis (zum Kühlen von Getränken) oder eine Zeitung geben. Eine Zeitung habe ich nicht an Bord, und das Eis... – muss man immer selbstlos sein? Ich reiche ihm einen Beutel mit süssen Snacks, und er lässt mich zufrieden ziehen: «Buen viaje, Señor!»
Am 9., 10. und 11. März fiel Regen. Das ist ein ungewöhnliches und ersehntes Ereignis, weswegen neben dem Empfangsschalter des Hotels Florida in Filadelfia ein Blatt hängt,auf dem alle Regenfälle seit dem Jahr 2000 vermerkt sind. 41 Millimeter sind an den drei Tagen gefallen. Überall sonst muss es in letzter Zeit ebenfalls geregnet haben, denn der Chaco zeigt sich in der ganzen Breite von 900 Kilometern in wunderbarem Grün. Viele Tümpel und Teiche haben sich gebildet, Schilf wächst, Wasserpflanzen blühen; in einigen Teichen baden Jugendliche, fast überall wird gefischt – sofern da Menschen sind, denn im Chaco wohnen so wenige Leute – weniger als 200 000 – , dass er statistisch als menschenleer erscheint. Der Chaco ist ein Gebiet extensiver Viehzucht. Sowohl in Paraguay wie in Bolivien weiden hitzeerprobte Zebu-Rinder mit hellem Fell oder Rassen mit Zebu-Einkreuzung; der Laie orientiert sich am Buckel dieser Tiere. Allerdings halten offensichtlich auch andere Rassen – und sogar Schafe – diese harten Bedingungen aus.
Filadelfia liegt rung 450 Kilometer von Asunción entfernt und bietet sich als Ort der Übernachtung an. Filadelfia ist ein Zentrum der Mennoniten, und es ist an Körpergrösse, Haar- und Hautfarbe leicht zu erkennen,wen man auf deutsch ansprechen kann und wen nicht. Die eine Hauptachse der staubigen Siedlung heisst Avenida Hindenburg. Am Schnittpunkt mit der zweiten Achse steht seit 1980 eine schlichtes Monument aus drei Betonelementen, die das dreeinige Ethos der Mennoniten verkörpern: Arbeit, Eintracht, Glaube. Es wurde im fünfzigsten Jahr hiesiger Landnahme aus Südrussland vertriebener Mennoniten erbaut. Der spirituelle Ahnvater der Mennoniten ist Menno Simons, ein Bischof der Täuferbewegung aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, der Zeit der Reformation. Eine Tafel am Denkmal hält fest, die Pioniere hätten ihre alte Heimat verlassen, «weil sie der Glaubensfreiheit, des Rechts auf Erziehung ihrer Kinder und ihrer Güter beraubt wurden». Sie hätten hier «in hartem Kampf gegen eine fremde Wildnis eine neue Lebensgemeinschaft» gegründet. «Der Herr hat Grosses an uns getan. Des sind wir fröhlich.» Mit diesem Zitat aus Psalm 126 beschrieben die Mennoniten 1980 ihr Werk.
Lokale Siedlungen heissen Friedensruh, Rosenrot, Waldesruh, Schönwiese, Schönbrunn, aber auch Wüstenfelde. Die Mennoniten haben den Chaco unkriegerisch erobert. Hier werden Fleisch und Milchprodukte erzeugt; das Hotel Florida ist ebenfalls Teil einer Gruppe mennonitischer Firmen. Ein neues Phänomen war vor ein paar Jahren, dass erstmals ein Mennonite als Minister in die Regierung Paraguays eintrat. Das hat bisher keine spürbare Verbesserung der institutionellen Qualität im Land bewirkt. Das Problem sind ja auch nicht die Menschen, sondern die Strukturen. Der Staat ist im Würgegriff der Colorado-Partei und deren Zuträger, Günstlinge und Profiteure. Ein paar aufrechte Minister – es müssten nicht Mennoniten sein – ändern an so einem System nichts. Entgegen ihrem Ruf können Mennoniten durchaus modern leben, mit Internet, Geländewagen, Digicam, T-Shirt und kurzen Hosen.
Die Qualität der paraguayischen Strasse durch den Chaco erklärt sich unter anderem mit der strategischen Bedeutung dieser Region. Bolivien und Paraguay fochten in den dreissiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts einen Krieg um die Grenze. Paraguay gewann zwar militärisch, musste am Verhandlungstisch aber einen Teil des gewonnenen Territoriums wieder abtreten, und zwar solches, das – wie sich später herausstellte – Erdgas enthält. Mariscal Estigarribia – 241 Strassenkilometer von der Grenze entfernt – wird immer wieder als Stützpunkt der Streitkräfte der Vereinigten Staaten erwähnt; es gibt dort einen Flughafen mit langen Pisten. Tatsache ist, dass Bolivien und Paraguay – die beiden einzigen Binnenländer Südamerikas – mit Erdöl, Erdgas, gigantischen Süsswasser-Reserven und anderen natürlichen Ressourcen das Potenzial haben, im Zentrum des Subkontinents sowohl zu trennen wie zu verbinden, Hindernis zu sein oder Drehscheibe.
Paraguay und Bolivien liegen auf dieser geografischen Breite zwischen Brasilien und dem Pazifik. Die ganze Region um den Chaco ist, was den Transport betrifft, auf den Atlantik ausgerichtet, gemäss der natürlichen Entwässerung durch die Flüsse Paraguay, Paraná und Río de la Plata. Brasilien produziert Millionen von Tonnen von Soja, die via den Pazifik nach China müssen. In Bolivien wird ebenfalls Soja angebaut. Richtung Pazifik und China steht nicht nur die Anden-Kette im Weg, sondern die Inexistenz akzeptabler Strassen. An der Grenze zu Bolivien endet die Skater-Piste und geht über in einen streckenweise selbst mit dem Geländewagen schwierig zu passierenden Fahrweg. Dies liegt an knietiefen Spurrinnen, die die schweren Lastwagen bei Regen hinterlassen.Viele Kilometer lang ist ein Kreuzen zweier Lastwagen heikel; der Verkehr ist allerdings minim.
Eine neue Strasse ist auf bolivianischer Seite im Bau. Sie gehört ins Programm diverser Verkehrsverbindungen zwischen Häfen am Atlantik und solchen am Pazifik. Diese Routen heissen «Bi-Oceánicas», da sie zwei Ozeane berühren. Solche Achsen sind auch weiter nördlich in Peru im Bau. Der Mangel an Infrastruktur wird in vielen Berichten über Südamerika – etwa jenen der Weltbank – immer wieder als ein Entwicklungshindernis genannt. Hier wird sichtbar, was damit gemeint ist.
Die Zoll-Formalitäten an der Grenze zu Bolivien beschränken sich auf die Registrierung des Autos; das Gepäck bleibt unbeachtet. 32 Kilometer hinter der Grenze, in Ibibobo, weckt meine Anfahrt den Beamten der Passkontrolle aus seiner Siesta. Vom Auto aus sehe ich seine am Boden ausgestreckten Füsse in der offenen Tür. Er klopft einen Stempel in den Pass, noch ehe ich das Formular fertig ausgefüllt habe. Er ruft durchs Fenster einer Señora, die anrückt mit Taschenrechner und einem Bündel Banknoten bolivianischer Währung. Ich will meine fast 300 000 Guaraníes – das Geld Paraguays – loswerden. Sie bietet mir 300 Bolivianos. Ich tippe auf meinem Handy herum und gebe vor, ausrechnen zu können, was mir zusteht. Meinen Protest, ihr Kurs sei miserabel, beantwortet sie, indem sie 10 Prozent dazu legt.
Quelle: Ein Bericht von Beat Ammann - aus NZZ Online - Zürich, Schweiz - am 28.03.2008
