Ein Wunderzucker aus Paraguay dringt langsam nach Europa vor
Natürliche Süße ohne Kalorien – das ist ein Traum, der schon bald in Erfüllung gehen könnte. Denn es gibt ein rein pflanzliches Süßungsmittel mit außergewöhnlichen Eigenschaften: Steviosid. Pro Gramm besitzt der aus aus den Blättern der südamerikanischen Pflanze Stevia rebaudiana gewonnene Natursüßstoff gerade mal 0,21 Kalorien. Gleichzeitig ist er in seiner Reinform bis zu 300-mal so süß wie Zucker, für Diabetiker geeignet und schont sogar die Zähne. Von künstlichen Süßstoffen wie Aspartam, Cyclamat und Saccharin hebt er sich vor allem durch seinen Geschmack ab: Die Süße breitet sich in der gesamten Mundhöhle aus und besitzt keinen bitteren Nachgeschmack. „Diese Eigenschaft hat sonst nur Zucker“, sagt Udo Kienle, Agrarwissenschaftler an der Uni Hohenheim.
Die Stevia-Pflanze
Der indianischen Bevölkerung von Paraguay sind die Vorzüge von Stevia seit Jahrhunderten bekannt. Sie süßt ihren Mate-Tee traditionellerweise mit den getrockneten und zermahlenen Blättern der Pflanze, die optisch an die Pfefferminze erinnert. Vor 21 Jahren brachte Kienle von einer Reise Stevia-Samen mit nach Europa. Der Versuchsanbau in Spanien und Portugal zeigte: Auch dort wächst die Pflanze prächtig. Nach Ansicht Kienles könnte Stevia in den südeuropäischen Staaten zu einem attraktiven Ersatz für den dortigen Tabakanbau werden. Tabak will die EU in Zukunft nicht weiter subventionieren. Durch den Umstieg auf Stevia könnten Tausende Kleinbauern vor dem wirtschaftlichen Ruin bewahrt werden.
Technisch ist eine industrielle Steviosid-Produktion heute schon möglich: Kienle hat eine spezielle Erntemaschine für die Pflanze konstruiert und erprobt. Sie schneidet die oberirdischen Pflanzenteile ab und trennt die Blätter von den Stängeln. Auch ein besonders schonendes Verfahren zur Extraktion des Wirkstoffs aus den Pflanzenblättern hat der Hohenheimer Wissenschaftler entwickelt.
In Japan sind Stevia-Produkte seit rund 30 Jahren erhältlich. Jetzt soll hochreines Steviosid auch den europäischen Süßstoffmarkt erobern. Noch fehlt allerdings die nötige Zulassung. Stevia fällt unter die Novel-Food-Verordnung der EU, nach der alle Lebensmittel, mit deren Anbau und Verwendung man in Europa noch keine Erfahrungen hat, einem komplexen Zulassungsverfahren unterworfen sind. Die Prüfung von Stevia durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) werde voraussichtlich erst im März 2010 abgeschlossen, heißt es aus der EFSA-Pressestelle. Dann erst könnte die EU-Kommission grünes Licht geben.
Bereits einen Schritt weiter ist die Schweiz. Kürzlich gab das Berner Bundesamt für Gesundheit Steviosid zur Verwendung in Lebensmitteln frei. Allerdings müssen die Hersteller den Einsatz noch für jedes Produkt einzeln beantragen. Zuvor hatte eine Expertenkommission der Vereinten Nationen im Juni dieses Jahres Steviosid die Unbedenklichkeit attestiert.
„Die Schweiz gibt ein hervorragendes Experimentierfeld für internationale Konzerne ab, um Marketingstrategien und die Verbraucherakzeptanz von Stevia zu testen“, sagt Kienle. Die Unternehmen könnten sich dort einen beachtlichen Wettbewerbsvorteil schaffen. Würde das Mittel wie erwartet bald auch in der EU zugelassen, könnten sie auf Schweizer Erfahrungen zurückgreifen. Das Interesse ist groß: Unter anderem prüfen Coca-Cola und Pepsi bereits die Option, den Süßstoff in ihren Getränken einzusetzen.
Quelle: Rheinischer Merkur - Deutschland - am 06.11.2008
