Pflanzlicher Zuckerersatz aus Stevia statt künstlicher Süssstoffe
Das Bundesamt für Gesundheit hat vor kurzem erstmals einen Süssstoff aus der Stevia-Pflanze als Zuckerersatz für ein Getränk bewilligt. In der EU bleibt die pflanzliche Süsse umstritten.
Uta Neubauer
Es klingt, als könne dieses Kraut die Probleme mit der überzuckerten Ernährung lösen: Die Blätter der südamerikanischen Pflanze Stevia rebaudiana Bertoni schmecken viel süsser als Zucker, schädigen aber weder die Zähne, noch machen sie dick. Die erste Bewilligung, ein Stevia-Extrakt als Süssstoff in einem Getränk einzusetzen, hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) vor kurzem dem Unternehmen Storms aus Sugiez im Kanton Freiburg erteilt. Generell zugelassen sind Stevia-Süssstoffe in der Schweiz aber nach wie vor nicht, Lebensmittelhersteller brauchen für damit gesüsste Produkte eine Einzelbewilligung. In Japan, China, Brasilien und einigen anderen Ländern ist der pflanzliche Zuckerersatz schon lange auf dem Markt, in den USA und der Europäischen Union ist sein Einsatz dagegen noch nicht erlaubt.
300-mal süsser als Zucker
Entdeckt wurde die Stevia-Pflanze 1887 in Paraguay vom Tessiner Botaniker Moisés Bertoni. Sie verdankt ihre kalorienarme Süsse bestimmten chemischen Substanzen, den Glycosiden, bei denen ein Teil des Moleküls mit einem oder mehreren Zuckermolekülen verbunden ist. Stevia-Blätter enthalten sieben verschiedene Glycoside, von denen vor allem zwei – Rebaudiosid A und Steviosid – die Süsse bewirken. Da der Handel mit Stevia als Nahrungsmittelzusatz hierzulande verboten ist, bauen einige Stevia-Anhänger die Pflanze selbst an, um damit beispielsweise Tee zu süssen. Die Blätter schmecken etwa 30-mal süsser als Zucker, eignen sich wegen ihrer grünen Farbe aber nur bedingt als Zuckerersatz. Die Industrie isoliert die Glycoside deshalb als weisses bis gelbliches Pulver aus der Pflanze. Dafür übergiesst man die getrockneten Blätter mit heissem Wasser oder Alkohol und filtriert sie dann ab. Aus dem flüssigen Extrakt lassen sich nach der Reinigung und Trocknung Kristalle gewinnen, die noch zehnmal süsser sind als die Blätter.
Bei seinem Zulassungsentscheid stützte sich das BAG auf eine gesundheitliche Bewertung der Welternährungsorganisation (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Juli dieses Jahres. Aufgrund von Studien, bei denen Versuchspersonen über mehrere Wochen ein Extrakt aus Steviosid von hohem Reinheitsgrad einnahmen, halten die WHO und die FAO eine Menge von täglich bis zu vier Milligramm Stevia-Süssstoff pro Kilogramm Körpergewicht für unbedenklich. Da die pflanzlichen Extrakte etwa 300-mal süsser sind als Zucker, könnte eine Person mit einem Gewicht von 65 Kilogramm mit Stevia täglich rund 80 Gramm Zucker ersetzen, das entspricht der Menge Zucker in zwei Dosen Cola.
Die Schweiz als Testfeld
Stevia-Extrakte haben als Ersatz für künstliche Süssstoffe vor allem in solchen Lebensmitteln gute Marktchancen, die als besonders «natürlich» angepriesen werden, etwa in kalorienarmen Bio-Joghurts. Aber auch Getränkeriesen wie Coca-Cola und Pepsi stehen in den Startlöchern. Unter dem Namen «Truvia» produziert der amerikanische Agrarkonzern Cargill bereits heute einen Stevia-Süssstoff, der zu 97 Prozent aus Rebaudiosid A besteht. Coca-Cola will damit schon bald Getränke süssen, Pepsi ein ähnliches Extrakt namens «Purevia» einsetzen.
Das Vorgehen des BAG, nun Einzelbewilligungen auszustellen, sei ein interessanter Schachzug, urteilt Udo Kienle von der Stuttgarter Universität Hohenheim, der die Stevia-Pflanze schon vor über zwanzig Jahren aus Paraguay für Forschungszwecke nach Europa eingeführt hat. Die Schweiz gebe ein Experimentierfeld für grosse Konzerne wie Coca-Cola und Nestlé ab, um Marketingstrategien und die Akzeptanz der Konsumenten zu testen. Bei Coca-Cola in Brüttisellen wurde die erste BAG-Bewilligung eines Stevia-Zusatzes denn auch positiv aufgenommen, wie Sprecherin Pia Lehmann betont. Man müsse aber noch am Geschmack der so gesüssten Getränke arbeiten. Schon deswegen werde Cola mit Stevia-Süssstoffen wohl nicht vor 2010 auf den Schweizer Markt kommen.
Hohen Konzentrationen von Stevia wird ein Lakritz-Geschmack nachgesagt. Der Stevia-Experte Kienle weiss aber aus Geschmackstests, dass Versuchspersonen kaum unterscheiden können, ob ein Getränk mit Stevia oder mit Zucker gesüsst ist – künstliche Süssstoffe hingegen erkennen die meisten. Ausserdem verstärkt Stevia Aromen. Den derzeit beliebten Wellness-Wässern, die nur leicht mit Aloe Vera, Ingwer oder anderen Zusätzen aromatisiert seien, könne das Kraut den laschen Geschmack nehmen, sagt Kienle.
Die EU verlangt mehr Studien
Trotz diesen Vorteilen werden solche Getränke in der EU wohl nicht so schnell auf den Markt kommen, denn der EU-Lebensmittelausschuss fordert zusätzliche Studien, bevor er die gesundheitliche Unbedenklichkeit als erwiesen betrachtet. Widerlegt werden müsse unter anderem der Verdacht, dass Stevia in hohen Konzentrationen die Zeugungsfähigkeit von Männern einschränken könnte. Dafür gibt es gewisse Anzeichen in Studien mit Ratten, die noch weiter überprüft werden müssen. Zwar verweisen Stevia-Anhänger in unzähligen Foren auf dem Internet immer wieder darauf, dass schon die Ureinwohner Paraguays ihren Tee mit dem Kraut gesüsst hätten – ohne offensichtliche Nachteile für die Fortpflanzung. Doch Kienle hat Stevia in historischen Quellen, die indianische Nahrungs- und Heilpflanzen auflisten, bisher vergeblich gesucht. Da auf Stevia-Süssstoffe ein Massenmarkt wartet, hält er die Forderungen der EU nach zusätzlichen Studien für durchaus berechtigt. Fraglich ist allerdings, wer diese bezahlen wird. Weil sich die pflanzliche Süsse nicht so einfach patentieren lässt, wollen viele Unternehmen dafür kein Geld ausgeben.
Quelle: NZZ Online - Zurich, Schweiz - am 17. September 2008
